Zu den Vorfällen beim Topspiel Dortmund - Bayern – ein Zeugenbericht

von Mika Müller - 05.März - 13:00
Zuallererst einmal möchte ich hiermit klarstellen, dass ich versuche das, was ich mitbekommen habe, mit bestem Wissen und Gewissen zu teilen. Wichtig ist hierbei, Zunächst einmal habe ich mich sehr auf das Spiel gefreut, endlich mal wieder eine Bayern-Auswärtsreise und dann auch noch nach Dortmund.
Im Signal-Iduna Park war ich am Samstag zum ersten Mal. Ich hatte zwei Tickets und war zusammen mit einem Freund unterwegs. Stadioneinlass war für 16:30 Uhr angesetzt. Wir waren etwas früher schon da und die Schlange war bereits riesig. Die organisierte Fanszene war wie üblich ganz vorne und schon lange vorher am Stadion. Das Polizeiaufgebot war enorm, was aber auch nicht wirklich verwunderlich ist bei so einem Spiel. Der Einlass erfolgte erst ein paar Minuten später als geplant. Zuerst wurde eine allgemeine Sicherheitskontrolle durchgeführt, wobei man aber bereits ein Ticket vorzeigen (nicht scannen) musste. Die Kontrollen wurden für unseren Eingang (Stehplätze) von zwei Seiten vorgenommen, wonach alle bereits kontrollierten in einem eingezäunten Bereich waren, an dessen Ende die Drehkreuze liegen. An den Drehkreuzen standen einige Ordner und direkt dahinter aufgereiht ein riesiges Polizeiaufgebot. Die Stimmung war schon etwas aufgeheizt, als läge etwas in der Luft, das war zumindest mein subjektiver Eindruck. Gegen 16:55 Uhr dürften wir dann im Stadion gewesen sein. Zunächst stand ich noch eine Weile in dem Bereich zwischen Blockeingängen, Verkaufsständen und Stadioneingang, also dem Bereich, in dem es später zu dem Vorfall kam. Ich stand bestimmt fünfzehn Minuten dort, bevor wir uns dann in Richtung Block aufmachten. In dieser Zeit ist nichts Ungewöhnliches passiert, weder von Fan noch von Polizeiseite aus, dennoch hatte ich den Eindruck, dass eine komische Stimmung in der Luft lag.
Um Viertel nach 5 standen wir im Block. Gegen 17:30 Uhr, also eine Stunde vor Spielbeginn habe ich den Block wieder verlassen, um noch einmal auf die Toilette zu gehen. Die Toilettensituation im Gästeblock ist sehr dürftig – es gibt schlichtweg zu wenig. Auf dem Weg raus aus dem Block musste ich einmal zurück in den Bereich nach dem Stadioneingang, weil zwischen Block und Toiletten die Verkaufsstände sind und dort zu viele Menschen waren. Also nochmal in den Innenraum raus und dann in Richtung Toiletten. Vor den Toiletteneingängen bildete sich schon eine Warteschlange. Als ich dann drinnen war, hörte man draußen auf einmal Schreie und andere laute Geräusche, die definitiv keine menschlichen Ausrufe waren. Als ich beim Händewaschen war, kamen schon die ersten Fans angelaufen, um Becher mit Wasser zu füllen. Ich bin dann wieder rausgegangen und dort standen schon die ersten Fans mit rotunterlaufenen Augen – Reizgas. Die Spannung im Innenraum war sehr angespannt und aufgrund der unklaren Situation habe ich erstmal neben dem Toiletteneingang gewartet. Dort habe ich einen Fan kennengelernt, der sich auch erstmal abseits positioniert hat, weil er an Asthma und zudem seit kurzer Zeit an Panikattacken leidet. Währenddessen wurde die Zahl der Betro`enen immer größer. Ich habe immer mehr Fans mit zum Teil brutal stark gereizten Augen gesehen, teilweise mussten sogar Rettungssanitäter eingreifen. Es wurde auch vom Einsatz von Schlagstöcken berichtet, das habe ich nicht mit eigenen Augen gesehen, sondern nur gehört. Daher werde ich das weder bestätigen noch dementieren. Schnell machte der vermutliche Grund für die Eskalation die Runde – einige Fans haben ohne Ticket versucht ins Stadion zu gelangen.
Nachdem einige Minuten später klar war, dass keine Gefahr mehr besteht, habe ich mich mit einige weiteren Fans unterhalten. Teilweise kannte ich sie, teilweise nicht. Teilweise waren sie Teil der Fanszene, teilweise nicht. Nur einer von Ihnen hat ganz leicht etwas vom Reizgas abbekommen, weil er blöderweise zufällig in der Nähe stand (Die Person war sogar vor mir im Stadion, war aber auch gerade im Innenraum). In den Gesprächen wurde erzählt, dass es bereits vor dem Einlass einen ersten kleinen Vorfall gab, weshalb es auch zu Verzögerungen beim Einlass kam. Was genau passiert ist, habe ich nicht mitbekommen. Ein anderer hat erzählt, dass bereits beim Eingang blöde Sprüche seitens der Polizei kamen und später ein Polizist, während er mit Schlagstock in Richtung Bayern-Fans schlug, Beleidigungen gerufen haben soll. Ein anderer soll währenddessen Sachen gerufen haben, dass sich die Bayern-Schweine das ja eh verdient haben. Wie gesagt, dass sind die direkten Erzählungen von anderen Zeugen gewesen, die selbst in der Nähe standen, aber unversehrt geblieben sind. Ich selbst habe das nicht gesehen oder gehört, weil ich gerade auf Toilette war.
Erst kurz vor Spielbeginn kam ich wieder in den Block, weil man zuvor aufgrund des ganzen Chaos schwer durch die Menge kam und die Zugänge teilweise für kurze Zeit geschlossen waren. Mein Kumpel, der die ganze Zeit im Block auf mich gewartet hat, hat von alledem nichts mitbekommen.
Zu Beginn der 2. Halbzeit wurde in der Dortmunder Stehkurve in kurzfristig aufbereitetes Banner hochgehalten, mit der Aufschrift: „Freiheit für Gästefans in Dortmund“, unterzeichnet von der Südkurve Dortmund. Laut Aussagen einiger Fans im Stadion haben sich bereits vor Einlassbeginn, bei dem ersten Vorfall die ersten Dortmund Fans solidarisiert und lautstark über die Polizei aufgeregt. Die Südkurve München unterstrich in einem Statement klar, dass es sich um einzelne Handgemenge handelte, die von Polizeiseite aus zum Anlass genommen wurden, willkürlich auf umstehende Fans loszugehen.
An diesen Stadionbesuch werde ich mich noch lange erinnern können. Leider nicht aufgrund eines packenden 3:2 Topspiels mit einem irren Spielverlauf. Ich möchte noch einmal klarstellen, dass ich hiermit nur versuche das Erlebte zu schildern. Meine Beobachtungen habe ich klar beschrieben. Aussagen der anderen Fans, mit denen ich geredet habe, sind entsprechend gekennzeichnet und sind NICHT als Fakten zu werten. Auch meine Eindrücke und Gedanken sind keine Fakten. Was aber Fakt ist: Ich habe sehr viele Menschen gesehen, die sichtlich unter dem Einsatz von Reizgas leiden mussten – wie bereits beschrieben waren auch mehrere Rettungssanitäter im Einsatz, um den Betro`enen zu helfen. Es gibt in den sozialen Netzwerken auch einige Videos, mit denen sich jeder selbst ein Bild machen kann.
Die „Fanhilfe Dortmund“ hat u.a. auf X am 17.02. kritisiert, dass die Dortmunder Polizei bei Heimspielen von Borussia Dortmund bereits mehrfach die „Eskalationstaktik“ gewählt hat. Dabei ist von „aggressivem Auftreten“ und „enormer Präsenz“ die Rede.
In letzter Zeit kam es leider zu einigen Vorfällen dieser Art, egal ob national oder international – das finde ich tragisch. Meine abschließenden Worte zu dieser Thematik. Sicherlich machen Fans und vor allem auch die organisierten Fans nicht alles richtig und auch ohne Ticket versuchen ins Stadion zu gehen ist aus guten Gründen nicht erlaubt. Dennoch frage ich mich, ob das einen solchen Einsatz rechtfertigt. Viele unschuldige Personen wurden so getro`en und haben gesundheitliche Schäden davongetragen. Natürlich gehören immer zwei Seiten dazu, dennoch liegt das Machtmonopol klar auf einer Seite. Wenn diese dann nicht deeskalierend, sondern ganz im Gegenteil eskalierend einwirkt (was schon durch Beleidigungen/Provokationen der Fall wäre), ist das schlimm. Nicht falsch verstehen: Unrechtmäßiges Verhalten der Fans gehört bestraft, aber muss es wirklich mit Reizgift und womöglich Schlagstöcken sein? In einer Umgebung in der viele Unschuldige Zuschauer unterwegs sind?
Es bleibt nur zu ho`en, dass solche Ereignisse in Zukunft möglichst selten auftreten – das sollte für alle Parteien das Ziel sein.
