XXL-Analyse der Mainzer Wintertransfers!

von Dominik - 10.Feb - 18:00

Der 1. FSV Mainz 05 sah sich im Winter zu einem klaren Kurswechsel gezwungen. Nach einem misslungenen Saisonstart und einer im Sommer nur unzureichend ausbalancierten Kaderplanung war früh absehbar, dass ohne personelle Korrekturen der direkte Weg in den Abstiegskampf führen würde. Mit der Verpflichtung von Urs Fischer als neuem Cheftrainer änderte sich nicht nur die sportliche Ausrichtung, sondern auch das Anforderungsprofil an den Kader grundlegend.

Als Urs Fischer Trainer des 1. FSV Mainz 05 wurde, stand der Verein am Abgrund. Das lag neben der unverständlichen Herangehensweise von Bo Henriksen hauptsächlich an einer verfehlten Transferpolitik im Sommer. Sinnbildlich dafür war der Medienberichten zufolge 10-Millionen-Deal mit Benedict Hollerbach: Man leistete sich zu Beginn des Transferfensters den Luxus des teuersten Neuzugangs der Vereinsgeschichte und leerte somit direkt das Festgeldkonto. Allerdings schien man ihn nicht korrekt gescoutet zu haben, denn er wurde als 1 zu 1 Ersatz für Jonathan Burkardt verpflichtet, obwohl er die alleinige Spitze nicht spielen kann und so im 3421 des taktisch sturen Henriksen verbrannte. Dafür fehlte dann das Geld, um die schwächelnde bzw. zu alte Innen-/Außenverteidigung zu verstärken. Auch alle anderen Neuzugänge erschienen zwar vielversprechend, doch waren entweder ausschließlich perspektivisch, bekamen keine Chance oder waren erst gar nicht vom Trainer gewollt (Bøving).

Nach dem miserablen Saisonstart war schnell klar, dass die Kaderplaner vieles nachholen müssen, um den Verein nicht in die 2. Bundesliga gewirtschaftet zu haben und Urs Fischer bei der Mission Klassenerhalt zu unterstützen. Mithin verpflichtete Mainz 05 gleich 4 neue Spieler, die allesamt erfahrene Direkthilfen sein sollten und in das klare Anforderungsprofil des Urs Fischer im 532 oder 541 passen.

 

Phillip Tietz

Der erste Neue im Bunde war der 1,90m große, lang ersehnte Wandstürmer, der von der Konkurrenz aus Augsburg an den Rhein wechselte. Dementsprechend hoch war auch die Ablösesumme: Kolportiert werden angebliche 4 Millionen Euro - zu viel für einen aussortierten 28-jährigen Angreifer mit fußballerischen Defiziten? Das war die Sorge einiger Fans, die angesichts des zu hohen Altersschnitts des Kaders und finanziellen Möglichkeiten auch nicht unbegründet war. 

Doch der Erfolg der Mainzer Mannschaft mit ihm auf dem Platz raubt einer sportlichen Kritik seiner jede Grundlage. Seitdem Tietz vorne startet, konnte Mainz 05 die statistische Torgefährlichkeit von 1,29 auf 2,56 xG pro Spiel verbessern (understat). Bei diesem Wandel hat allein die Präsenz der Grinsebacke einen großen Anteil daran. Nach dem Abgang des Leaders Jonathan Burkardt fehlte neben dem robusten Neunerprofil vor allem auch ein Anführer in der Mannschaft, der nicht wie Kapitän Silvan Widmer (RV/LV) oft abseits des Geschehens positioniert war. Diese Figur hat man in Tietz gefunden. Egal ob Ecke, Einwurf oder Ballgewinn – Tietz feiert alles ab und reißt die Fans und Teamkollegen mit.

Dennoch muss man feststellen, dass sich Tietz individuell noch klar verbessern muss, um der Mannschaft auf Dauer zu helfen. Zu oft sind seine Pässe und die Ballannahmen zu unsauber. Auch in puncto Effizienz ist Luft nach oben (2 Tore aus 3,1 xG).

 

Silas

Schnell wurde klar: Hollerbach, der zu der Zeit noch fit war, würde nicht ausreichen, um den schnellen Konterfußball von Urs Fischer umzusetzen. Aus diesem Grund beschäftigte man sich erfolgreich mit dem Straßenfußballer Silas (27), dem VfB Coach Hoeneß nicht die Spielzeit bieten konnte, die für einen Spieler seiner Klasse angemessen wäre. Man verhandelte einen klugen Deal: Laut Medienberichten zufolge eine sofortige Ablöse von ≈150.000 Euro, die bei Klassenerhalt auf etwas unter einer Million Euro ansteigt. Der Vertrag mit dem Kongolesen läuft wohl bis Saisonende und wird bei Klassenverbleibt ausgedehnt. Für die restliche Spielzeit 25/26 beteiligt sich sogar der VfB an Silas Gehalt.

Seine Spritzigkeit deutete Silas bereits bei seinem Debüt in Köln an, bei dem er zwar eine Großchance nicht nutzte, aber direkte Unvorhersehbarkeit in die Offensive brachte. Sein Solo-Tor in Leipzig zeigte dann, dass durch seine trickreiche Spielweise auch spielentscheidende Momente folgen können. Durch die ihm zuletzt nicht gegönnte Spielzeit hat Silas noch mit konditionellen Problemen zu kämpfen und kann bislang maximal 60 Minuten auflaufen, doch das könnte sich – neben seinem mittelmäßigen Defensivverhalten – mit mehr Spielpraxis verändern. Sollte Silas Top Speed wieder an seine besten Zeiten beim VfB rankommen (36,15 km/h; 23/24), wird man diesen Deal in wenigen Monaten als „herausragend“ bewerten.

 

Stefan Posch

Als dritter Neuzugang wurde der 28-jährige Österreicher vorgestellt, den Mainz 05 für angebliche 200.000 Euro aus Como ausleihen konnte, die Posch zuvor für 5,5 Millionen Euro von Bologna fest verpflichten mussten. Neben reichlich Bundesligaerfahrung (Ex-TSG-Hoffenheim) verstärkt der 49-fache Nationalspieler die rechte Innenverteidigung mit viel Ruhe und Sicherheit. Ohne Anlaufzeit konnte er sich in das Team einfügen und bewirkt damit, dass Mainz in seinen ersten 3 Spielen bloß 2 Gegentore kassierte. Damit verdrängte er den Unsicherheitsfaktor Danny Da Costa vorerst auf die von Verletzungen gebeutelte rechte Schienenposition. Alles in allem landete man mit Stefan Posch einen Coup, da er tendenziell eher gehobenes Bundesliganiveau hat.

 

Sheraldo Becker

Als sich bei Benedict Hollerbach eine Achillessehnenverletzung andeutete, musste Mainz 05 schnell handeln. Man traute offenbar weder dem unglücklichen Armindo Sieb noch dem ignorierten William Bøving zu, der Konterstürmer neben den Wandstürmern Tietz bzw. Weiper darzustellen. Auf Silas wollte man sich wegen seiner Fitness und Verletzungshistorie nicht blind verlassen. Daher entschied man sich für den Ex-Fischer-Schützling Becker (31), der in Spanien bei Osasuna sportlich gesehen sehr unglücklich war. Man vereinbarte eine Leihe mit voller Gehaltsübernahme, die in einer Kaufverpflichtung für Medienberichten zufolge 500.000 Euro ab einer gewissen Anzahl an Einsätzen mündet. Sein Debüt gegen den FC Augsburg erinnerte an den alten Sheraldo Becker aus Unioner Zeiten. Mit etwas mehr Glück hätte er nach seiner Einwechslung gleich mehrere Torvorlagen landen können. Kurios: Beckers letzter Schuss aufs Tor war am 09.03.25, genau 11 Monate her – für einen Angreifer sehr schwach.

 

Neben 4 Direktneuzugängen verpflichteten Heidel und Bungert den 20-jährigen Finnen Otto Ruoppi, der mit als das größte Talent des Landes gilt. Dieser kluge Schachzug ist ein Vorgriff für den Sommer und angesichts seiner prognostizierten Fähigkeiten begrüßenswert. 

Den Spielern Nordin (mit Kaufpflicht), Hong, Schopp und Bobzien wurde ein Tapetenwechsel ermöglicht.

 

Fazit: Man muss Heidel und Bungert loben, aber…

Alles in allem kann man den Verantwortlichen im Winter nicht absprechen, sich und den Verein aufgegeben zu haben. Man schaffte es, mit eher einfallslosen Transfers aus der Not eine Tugend zu machen und verpflichtete konkret die Spielerprofile, die in einem Urs-Fischer-Kader fehlten oder verbesserte sich auf Positionen, bei denen die Konkurrenz im Kader qualitativ nicht ausreichend war. Demnach war die Arbeit von den Machern vom Verein im Winter sehr gut.

Dennoch muss klar sein: Hätte man im Sommer vernünftig gearbeitet, so wären diese im Unterhalt teuren und alterstechnisch gehobenen Nottransfers nicht nötig gewesen. Angesichts des eh schon viel zu alten Kaders und Umbruchs im Sommer stellt das für die Zukunft weiterhin eine große Herausforderung dar, wieder zum wirtschaftlich unabdingbaren Konzept des FSV zu kommen: Spieler entwickeln. Denn auf Dauer wird sich Mainz 05 nicht mit Käufen von fertigen Spielern tragen.

Im Interview mit der Mainzer Allgemeinen Zeitung äußert Sportvorstand Christian Heidel, jeder sei im Sommer mit der Kaderplanung zufrieden gewesen und es würde nur gemeckert werden, weil man das Ergebnis nun kennt. Diese Aussage irritiert, da es durchaus im Sommer schon große Kritik am Kader bzw. der riskanten Altersstruktur gab. Zudem wurde auch damals schon bemängelt, dass die Defensive vernachlässigt werden würde. Aus Sicht des Sommers wurde nämlich in den letzten 6 (Stand Winter: 7) Transferperioden lediglich für Nikolas Veratschnig Geld für eine Ablösesumme in die Hand genommen. Bedenkt man, dass diese bloß etwa 0,2% des Vereinsumsatzes in diesem Zeitraum darstellt und Mainz 05 stets mit 5 Verteidigern spielt (kein Linksfuß als Linksverteidiger im Kader), so kommt man zum Schluss, dass diese Strategie hochriskant war. Ebenso könnte man sich fragen: Ist man als Sportvorstand nicht selbst in der Pflicht, die Qualität des eigenen Kaders korrekt einzuschätzen? Man sei schließlich als Verantwortlicher deutlich näher am Geschehen als der durchschnittliche Fan.

Es wäre im Winter zwingend erforderlich gewesen, in die qualitativ schwankende und verletzungsgeplagte Außenverteidigung zu investieren. Seit Urs Fischer da ist, musste er meistens auf die Kombination aus Silvan Widmer und Danny Da Costa zurückgreifen. Da beide Spieler ihre besten Tage hinter sich haben, hätte sogar trotz der immer noch riskanten sportlichen Situation eine perspektivische Veränderung Sinn ergeben.

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