Die Zukunft des BVB heißt Kaba & Albert - doch der Weg nach oben ist blockiert!

von Sven - 18.Dez - 10:00

Das Thema Talente begleitet Borussia Dortmund seit Jahren, mal als Aushängeschild, mal als Dauerproblem. Zunächst lohnt sich ein Blick darauf, wer aktuell aus dem Nachwuchsbereich konkret an den Profikader anklopft. Zwei Namen stechen dabei besonders hervor: Mussa Kaba und Mathis Albert. Beide besitzen das Potenzial, sich perspektivisch im Profibereich zu etablieren, ihre Ausgangslagen könnten jedoch unterschiedlicher kaum sein. Gleichzeitig wirft ihr Beispiel auch die Frage auf, warum die Zukunftsaussichten für junge Spieler beim BVB deutlich trüber erscheinen.

Mussa Kaba ist 17 Jahre alt, 1,96 Meter groß und zählt zu den spannendsten Talenten im Dortmunder Nachwuchs. Mit seiner Ruhe am Ball, seiner Übersicht und einer erstaunlich reifen Spielweise bringt er vieles mit, was auf dieser Position selten ist. Bereits am 5. Oktober feierte er sein Debüt in der Regionalliga West für die U23 – Anlass für einen ersten ausführlichen Blick auf sein Profil.

Der gebürtige Bielefelder, geboren am 17. November 2008, spielt seit seinem neunten Lebensjahr für Borussia Dortmund und durchlief sämtliche Nachwuchsstationen. Ursprünglich als Innenverteidiger ausgebildet, entwickelte er sich über die Jahre zu einem modernen Sechser. Trotz seiner beeindruckenden Körpergröße fehlt ihm für das ganz große physische Paket noch etwas Muskelmasse, an Präsenz mangelt es ihm dennoch kaum. Schon früh übernahm Kaba tragende Rollen. In der Saison 2023/24 war er Stammspieler der U17 und gewann mit dem Team die Meisterschaft. Sein Youth-League-Debüt feierte er mit nur 15 Jahren und zehn Monaten, auf einer Bühne, auf der weltweit die besten Talente auflaufen. Auch auf internationaler Ebene sammelte er früh Erfahrung. Am 4. September 2024 debütierte er für die deutsche U17-Nationalmannschaft und nahm wenig später an der Europameisterschaft und Weltmeisterschaft teil.

Der Verein verbindet große Hoffnungen mit ihm, hat sogar mehr Zukunftsvision mit Kaba, als alle anderen NLZ Spieler. Bereits während der Drittligazeit der U23 stand Kaba im erweiterten Kader, ehe ihn eine hartnäckige Knieentzündung die gesamte Vorbereitungszeit auf die Saison 25/26 (97 Tage) außer Gefecht setzte. Sein Comeback feierte er gegen Fortuna Köln, als er in der 77. Minute eingewechselt wurde und die Sechserposition übernahm. Der Auftritt war ruhig, unspektakulär, aber genau richtig nach einer langen Pause.

Seitdem folgten weitere Einsätze. Drei komplette Spiele in der Regionalliga, Einsätze bei der U17-WM sowie ein weiterer 90-Minuten-Auftritt im Premier League International Cup. Diese Spiele unterstreichen, wie schnell und souverän sich Kaba an den Herrenbereich angepasst hat. Er hat seine Rolle gefunden und ist direkt ein fester Bestandteil unserer U23 geworden.

Sein Profil macht ihn für den BVB besonders interessant. Kaba überzeugt mit einer außergewöhnlichen Ruhe am Ball, sehr starken Passquoten im Kurz- und Mitteldistanzbereich (regelmäßig über 90 Prozent) und hoher Präsenz in der Luft. Defensiv agiert er für sein Alter bemerkenswert stabil, auch wenn er in der Zweikampfhärte noch zulegen kann. Mit Ball besitzt er zudem das Potenzial, mutiger zu werden und häufiger raumöffnende Pässe einzustreuen. Dennoch ist die schnelle Entwicklung und Anpassung an den Herrenbereich überragend, vor allem im Hinblick auf seine Verletzung.

Für mich ist Kaba ein klarer Kandidat für das Wintertrainingslager in Marbella und perspektivisch jemand, der im Sommer einen Kaderplatz von Pascal Groß, dessen Vertrag im Sommer ausläuft, übernehmen kann. Großgewachsen, sicher im Aufbau, stark gegen den Ball. Es ist genau das Profil, das der BVB auf der Sechserposition seit Jahren sucht. Alles in allem ist Mussa Kaba ein Spieler, den man in Dortmund sehr genau beobachten sollte und hoffentlich wird. Sein Weg über die U23 ist logisch und könnte ihn perspektivisch bis in die Bundesliga führen. Wichtig dabei, sein Vertrag läuft im Sommer 2027 aus. Viele Vereine aus der Premier League zeigen jetzt schon Interesse, weshalb eine baldige Verlängerung mit einem guten Plan für die Zukunft wichtig wäre.

Ganz anders stellt sich die Situation bei Mathis Albert dar. Der 16-jährige US-amerikanische Flügelspieler gilt von außen betrachtet als eines der größten Offensivtalente im Dortmunder Nachwuchs. Er spielte in dieser Saison primär in der U19 (Nachwuchsliga/Youth League), wäre altersmäßig sogar noch für die U17 spielberechtigt wurde aber seit Dezember in die U23 hochgezogen.

Albert wechselte von LA Galaxy zum BVB, ist für US-Jugendnationalteams aktiv und besitzt einen langfristigen Vertrag. Am letzten Spieltag des Jahres gab er gegen den SC Paderborn II sein Debüt im Herrenfußball und wurde damit zum jüngsten U23-Spieler der Vereinsgeschichte. Nur wenige Tage später folgte der nächste Meilenstein. Beim Spiel gegen Leeds United U21 stand er erstmals in der Startelf der U23 und erzielte prompt das 2:0. Ein wuchtiger Abschluss mit dem zweiten Kontakt, trotz Bedrängnis. Mit 16 Jahren, sechs Monaten und 24 Tagen ist er damit der jüngste Torschütze in der Geschichte der Dortmunder U23.

Schon im Sommer erhielt Albert seinen ersten Profivertrag. Dass der BVB den Zuschlag bekam, war keineswegs selbstverständlich, auch Paris Saint-Germain zeigte großes Interesse. Sein Standing unterstreicht auch ein langfristiger Vertrag mit Ausrüster Nike, den er bereits im Alter von 14 Jahren unterschrieb.

Sportlich bringt Albert alles mit, um ein Unterschiedsspieler zu werden. Doch genau hier beginnen die Zweifel. Unter Niko Kovač sehe ich aktuell kaum Raum für einen Spielertyp wie ihn. Klassische Flügelspieler finden im aktuellen System nicht statt und es deutet wenig darauf hin, dass sich das zeitnah ändert. Zudem ähneln Alberts Anlagen (Stärken und Schwächen) stark denen von Julien Duranville oder Cole Campbell, zwei Spieler, die zuletzt trotz freier Kaderplätze keine Rolle spielten und von Kovač persönlich aussortiert wurden, weshalb bei beiden ein Wechsel ansteht. Solange sich an System und Denkweise nichts ändert, sind Alberts Perspektiven im Profikader deutlich schlechter als jene von Mussa Kaba.

Die schwierige Situation einzelner Spieler ist aber kein Zufall. Borussia Dortmund verfügt über eines der modernsten Nachwuchsleistungszentren Deutschlands. Scouting, Ausbildung und Jahrgangstiefe zählen zur Spitze. Doch die Brücke zur Profimannschaft ist schwach und das seit Jahren.

Im aktuellen Profikader stehen offiziell fünf Eigengewächse. Ihre Einsatzzeiten sind jedoch minimal. Cole Campbell kommt insgesamt auf 105 Minuten, Silas Ostrzinski ist de facto die Nummer vier im Tor, weshalb hier keine Einsatzeiten erwartet werden. Filippo Mané fiel nach ordentlichen Leistungen ohne klare Erklärung wieder aus dem Fokus und spielt eine bockstarke Regionalliga Saison, die eindeutig zeigt, das er für was höhers bestimmt ist. Almugera Kabar kommt auf 135 Profi-Minuten und wird selbst bei freien Kaderplätzen im Champions League Kader nicht nominiert. Bei drei der fünf Eigengewächse stehen Wechselgerüchte im Raum, weil alle unzufrieden mit der Behandlung und den wenigen Chancen auf Einssatzzeiten sind und das zurecht. Die aktuelle Lage ist keine, in der die etablierten Spieler so performen, das Einsatzminuten für Jugendspieler unmöglich sind. Die Offensive leidet oft an fehlenden kreativen Moment, vor allem in 1v1 Situationen. Die Defensive ist oft sehr statisch, viel Last auf Nico Schlotterbeck im Aufbau. Was ein Zufall, das die Spieler, die zu keinen/wenigen Einsatzminuten kommen, genau solche Stärken vorweisen. Der BVB meldet Talente im Profikader, aber nutzt sie kaum. 

Diese fehlende Perspektive schreckt nicht nur die betroffenen Spieler ab, sondern könnte auf den gesamten Nachwuchsbereich wirken.

Ein Blick auf die letzten sieben Jahre bestätigt das Muster. Knauff, Rothe, Wätjen, Raschl, Blank, kaum jemand erhielt nachhaltig Vertrauen. Giovanni Reyna und Mouki waren die letzten echten Durchbrüche, verließen den Klub jedoch ebenfalls. Ligaweit liegt der BVB bei Einsatzzeiten von Eigengewächsen aktuell nur auf Platz 13, trotz eines der besten NLZs. Hinzu kommt, viele spätere Profispieler aus unserem NLZ stammen nicht aus der eigenen Grundausbildung, sondern wurden teuer in der Endphase des Jugendbereiches eingekauft. Das widerspricht dem Anspruch, eigene Talente zu entwickeln. De facto haben es in sieben Jahren nur zwei Eigengewächse, länger als eine halbe Saison wirklich geschafft ins Team hineinzuwachsen. 

Das jüngste Beispiel einer jungen Spielers im Profikader ist Julien „Juju“ Duranville. Ein hochbegabter 19-Jähriger, der seit Januar 2023 beim BVB ist, mehr Spiele verpasste als spielte und nun nach seiner langen Verletzungspause komplett außen vor ist. Kein Einsatz in den letzten acht Ligaspielen, sechsmal nichtmal nominiert worden. 

Auf die berechtigte Frage nach Duranvilles Perspektive reagierte Niko Kovač mit einer Aussage, die man als junger Spieler kaum verdauen kann. Die Konkurrenz sei zu stark, die anderen seien „besser“. Der Ton war abwertend, unnötig scharf und reiht sich ein in ähnliche Auftritte des Trainers, etwa wie gegenüber Maximilian Beier. Emotionen und Wahrnehmungen junger Spieler öffentlich ins Lächerliche zu ziehen, stärkt weder Selbstvertrauen noch Entwicklung. Duranville ist kein fertiger Spieler. Aber er ist auch nicht schlechter als andere im Kader. Er ist verspielt, mutig, kreativ, eine Art Straßenkicker-Typ, der Spiele aufreißen kann. Doch in Dortmund existiert sein Profil im aktuellen System kaum. Jetzt prüft die Spielerseite einen Wechsel im Winter und wieder droht ein Talent zu gehen, bevor es überhaupt ankommen durfte.

Genau hier spiegelt sich das Grundproblem wieder. Entweder Talente werden gar nicht integriert, oder sie werden verkauft, bevor sie sich entwickeln können. Die Balance fehlt.

In Interviews betonen Verantwortliche wie Thomas Broich oder Lars Ricken regelmäßig, man wolle wieder mutiger sein, Talente früher einbinden, auf die eigene Ausbildung vertrauen. Doch die Praxis zeigt das Gegenteil. Auf der Mitgliederversammlung wurden Talente als Erfolgsbeispiele genannt, die den Verein nur deshalb verließen, weil sie beim BVB keine Perspektive hatten. Das ist nur leider kein Erfolgsmodell. Dass Entwicklung Zeit braucht, ist allen klar. Doch gerade deshalb müssen Talente Spielzeit bekommen, auch wenn es mal holpert. Andere Vereine leben das längst vor. Freiburg etwa kommt allein mit aktuellen und ehemaligen Eigengewächsen auf über 1000 Bundesliga-Partien. In jeder Top-5-Liga wären sie damit weit vorne. Der BVB läge im letzten Drittel. Selbst der FC Bayern kriegt es aktuell hin, junge Spieler aus den eigenen Reihen zu integrieren. Dortmund investiert jedes Jahr zweistellige Millionenbeträge in Spieler, die oft nur als kurzfristige Lösungen dienen. Gleichzeitig fehlen Minuten, Vertrauen und Geduld für die eigenen Jungs. Ricken und Kehl klagen über hohe Marktpreise, suchen aber selbst lieber teure externe Lösungen, anstatt sich der größten internen Ressource zuzuwenden.

Die Wahrheit ist, dass Ricken selbst viele Entwicklungen als NLZ-Chef verschleppte. Paradox genug, das der neue Aufschwung im Jugendbereich erst begann , als er diesen Posten abgab. Seit er Geschäftsführer Sport ist, verfällt der Klub wieder in alte Muster, nicht nur, was Jugenintegration angeht. Wenig Mut, wenig Progressivität, wenig Verständnis dafür, dass Talententwicklung kein Zufallsprodukt ist.

Dabei läuft die Nachwuchsarbeit selbst so gut wie seit Jahren nicht mehr. Paul Schaffran und Thomas Broich haben das System modernisiert (Stichwort Biobanding). Klare Fehlerkultur, einheitliche Spielidee, individuelle Entwicklung vor Ergebnissen wurden eingeführt. Niederlagen sind kein Tabu mehr, sondern Teil des Plans. Spieler sollen widerstandsfähig werden, ihre Position beherrschen und sich als Persönlichkeiten entwickeln. Broichs Philosophie ist mutig und radikal. Lieber einmal 2:5 verlieren, als Talente auf kurze Sicht mit Überzahl-Szenarien zu schützen. Nur wer scheitern darf, lernt zu bestehen. Seine Vision ist klar, nicht Jugendtitel zählen, sondern Spieler, die irgendwann Champions League spielen können. Doch dieser moderne Ansatz prallt an der Realität des Profikaders ab.

Der BVB produziert derzeit so viel Talent wie selten zuvor (Ousmane Diallo, Luca Reggiani, Jan-Luca Riedl, Enzo Duarte, Samuele Inácio, Thierry Fidjeu-Tazemeta, Lenni Strößner, Christos Kostoglou, Till Burkhardt, Hamzath Mohamadou). Doch ohne echte Perspektiven in der Profimannschaft bleibt dieses Potenzial ungenutzt. Solange Mut, Geduld und Vertrauen fehlen, steht sich der Verein selbst im Weg. Der Anspruch lautet, Spieler für die Champions League zu entwickeln. Doch dafür müssten sie zuerst einmal im Westfalenstadion spielen dürfen.

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