Als ein 30-jähriger Jurastudent fast für die Bayern im Bernabéu im ChampionsLeague-Viertelfinale auf dem Platz stand!

von Mika Müller - 7.April - 19:00

Wir schreiben den 17. April 2017. Nach einer 1:2-Niederlage im Hinspiel reist der FC Bayern für das Rückspiel nach Madrid. Mit an Bord ist ein 30-jähriger Innenverteidiger, der noch nie in der Bundesliga gespielt hat und dessen sportliches Karrierehighlight 40 Zweitligaspiele für Unterhaching und Aue sind, die zu diesem Zeitpunkt knapp zehn Jahre zurückliegen. Jetzt steht er kurz vor einem Duell mit Cristiano Ronaldo, Karim Benzema & Co. Sein Name: Nicolas Feldhahn.

Abflug der Bayern zum Spiel - im Hintergrund Nicolas Feldhahn neben Tom Starke.

Carlo Ancelotti sind die Sorgenfalten ins Gesicht geschrieben. Javi Martínez ist nach seiner Gelb-Roten Karte aus dem Hinspiel gesperrt, Jérôme Boateng plagen Adduktorenbeschwerden, und auch Mats Hummels droht mit Sprunggelenksproblemen auszufallen. So sitzt Nicolas Feldhahn, der normalerweise für die Regionalligamannschaft aufläuft, tatsächlich mit im Flieger nach Madrid. Als einziger Spieler trägt er keinen Anzug – Feldhahn wurde zwar für den Champions-League-Kader nominiert, wurde aber nicht wie der restliche Kader mit einem maßgeschneiderten Ausgehanzug ausgestattet. So sitzt er also in Trainingsklamotten neben Tom Starke und hinter Joshua Kimmich in der Business Class nach Madrid.

Eigentlich wechselte er im Sommer 2016 von Osnabrück zurück in seine Geburtsstadt, um sein Jurastudium voranzutreiben und seinen Lebensmittelpunkt wieder in seine Heimat zu verlagern. Feldhahn war in der Sommervorbereitung bereits auf der „Audi Summer Tour“ dabei, als die Nationalspieler noch im wohlverdienten EM-Urlaub waren. Dabei bekam er in der Allianz Arena gegen Manchester City und später in den USA gegen AC Mailand, Inter Mailand und Real Madrid viele Minuten und überzeugte. So stand Feldhahn an seinem 30. Geburtstag beim DFL-Supercup im Kader und durfte als Geschenk anstelle von Philipp Lahm den Pokal in die Luft strecken. Auch in der 1. Pokalrunde gegen Carl Zeiss Jena ist er im Kader, danach geht er seinem eigentlichen Auftrag nach – den Talenten bei den Bayern Amateuren Stabilität zu geben. Dennoch nominierte ihn Carlo Ancelotti für den Champions-League-Kader, wohl in weiser Voraussicht. Am Wochenende zwischen den beiden Champions-League-Viertelfinals sitzt er gegen Leverkusen wieder auf der Bank, kommt aber nicht zum Einsatz, weil Martínez in der Liga spielberechtigt war und zusammen mit David Alaba die Innenverteidigung bildet.

Doch circa eine Stunde vor Spielbeginn steht fest – es kommt nicht zum Sensationsdebüt. Boateng und Hummels stehen in der Startelf. Auf der Bank nehmen Juan Bernat, Rafinha und Joshua Kimmich Platz. Für Nicolas Feldhahn bleibt nur die Tribüne. Die Bayern führen nach 90 Minuten mit 2:1, und somit geht es in die Verlängerung. Weil Arturo Vidal zu Unrecht mit Gelb-Rot vom Platz muss und der angeschlagenen Bayern-Truppe merklich die Kraft ausgeht, erzielt Real Madrid drei Treier und zieht ins Halbfinale ein – auch wenn die ersten beiden Tore aufgrund einer Abseitsposition eigentlich irregulär waren.

Für Feldhahn geht daraufhin der Alltag in der Regionalliga weiter. In der folgenden Saison wird er zweimal zum Derbyhelden und führt die Bayern Amateure zu zwei Siegen gegen den späteren Aufsteiger TSV 1860 München. In der Saison 2018/2019 ist er Kapitän, als den Bayern Amateuren der Sieg im Premier League International Cup, die Meisterschaft in der Regionalliga Bayern und anschließend der sensationelle Aufstieg gegen die U23 des VfL Wolfsburg gelingt. Vor fast 8.000 Zuschauern im Grünwalder Stadion gelingt den kleinen Bayern das Comeback nach einer 3:1-Hinspielniederlage. Doch der Siegeszug ist noch nicht vorbei: Als Aufsteiger gelingt den Bayern Amateuren 2019/2020 sensationell die Meisterschaft in der 3. Liga. Im Jahr darauf folgt der Abstieg zurück in die Regionalliga.

Die Saison 2021/2022 wird die letzte seiner Karriere. Am 18. Spieltag schait er es nach einigen coronabedingten Ausfällen noch einmal in den Spieltagskader der Bundesliga – diesmal unter Trainer Julian Nagelsmann. Danach ist Schluss: Mit 35 Jahren beendet er seine Karriere. Nach fast sieben Jahren bei den Bayern, 198 Spielen für die Amateure und vier gewonnenen Titeln ist er eine Vereinslegende der anderen Art. Als Führungsspieler und Kapitän half er Jamal Musiala, Angelo Stiller, Josip Stanišić, Malik Tillman und vielen weiteren bei ihrem Weg aus der Bayern-Jugend in die große Welt des Spitzenfußballs. Am 18. April 2017 war er für kurze Zeit selbst ein Teil davon.

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