FC Bayern München Zwischenzeugnis – Teil 2

von Mika Müller - 26.Okt. - 19:00
Die Oktober-Länderspielpause bietet die Möglichkeit ein erstes Zwischenfazit zu ziehen. Im vergangenen Teil standen die Torhüter und Abwehrspieler im Fokus – heute geht es weiter mit Mittelfeld, Angriff und dem Trainer.
Joshua Kimmich: Der Denker und Lenker im Mittelfeld rotierte in der Bundesliga schon zweimal auf die Bank – damit öfter als in der vergangenen Saison. In den wichtigen Spielen führt aber kein Weg an ihn vorbei. Lässt sich im Spielaufbau gerne mal nach rechts oder in die Abwehr fallen. Spielt oftmals einfach wie genial. Gegen Chelsea handlungsschnell vor dem 1:0 als er den indirekten Freistoß schnell auf die rechte Seite verlagert, während die Chelsea Spieler noch mit anderen Sachen beschäftigt waren. Gegen Leipzig und Hamburg überragend. Zuletzt etwas weniger prägend, aber dennoch weltweit einer der besten Spieler auf seiner Position.
Note: 2+
Leon Goretzka: Die Luft wird dünner für Goretzka. Bislang absolvierte er noch kein Spiel über die volle Distanz. In der Champions League kam er noch gar nicht von Beginn an. Bis jetzt gab es auch noch keinen Scorer, dafür aber wieder viel Alibi. Gegen Frankfurt gibt er bei Bahoyas aberkannten Treffer den kompletten Rückraum frei und holt sich anschließend eine gelbe Karte wegen Meckerns ab. Wurde anschließend nach einem sonst blassen Auftritt zur Halbzeit ausgewechselt. Im Supercup führte er in 93 Minuten einen (!) Zweikampf - den er verlor. Verlor schon mehrfach das Startelfduell gegen Pavlovic und auch Bischof wusste zu überzeugen, daher dürfte es langsam schwierig für ihn werden.
Note: 4
Tom Bischof: Verdient deutlich mehr Einsatzzeit. In seinem einzigen Start, zuhause gegen Werder Bremen, war er der überragende Mann und vertrat den angeschlagenen Kimmich hervorragend. Warum er daraufhin gegen Pafos und Frankfurt zusammen nur 9 Minuten spielen durfte weiß außer Kompany keiner. Wiederholt auch als Linksverteidiger getestet, dürfte gerade gegen schwächere Gegner zuhause auf dieser Position sehr gut funktionieren, wenn er wie Stanisic in die linke 10er Rolle fällt. Durfte in 5 seiner 7 Einsätze nur weniger als zehn Minuten spielen, verpasste aber den Saisonstart aufgrund einer Blinddarmoperation.
Note: 2
Aleksander Pavlovic: Bekam gegen Chelsea den Vorzug vor Goretzka, gegen Frankfurt war es andersrum. Gegen Bremen kam er nicht zum Einsatz, zuvor startete er dreimal in Serie. Traf gegen den HSV zum 2:0. Er ist und wird keine „Holding Six“ zu der er fälschlicherweise oft gemacht wird. Technisch ist er Leon Goretzka deutlich überlegen, in Sachen Passspiel und Spielaufbau sowieso. Muss es jetzt schaffen mal am Stück fit zu bleiben. Seine Entwicklung ist in der letzten Saison deswegen leider stagniert. Seine beiden Champions League Spiele gegen Lazio Rom und Real Madrid aus seiner Debütsaison lassen aber keinen Zweifel an seiner Klasse. Seine Abgeklärtheit ist beeindruckend. Er ist auf einem guten Weg, hat aber noch Steigerungspotential.
Note: 2
Jamal Musiala & David Santos Daiber: Ohne Einsatz
Serge Gnabry: Saisonstart-Gnabry ist zurück! 3 Tore und 4 Vorlagen sind eine strake Ausbeute für den Auftakt. In zentralerer Rolle zeigt Gnabry bei der Klub-WM teils schon gute Ansätze, fiel im Endeffekt aber zu sehr in alte Muster, wie Lustlosigkeit oder Fahrigkeit zurück. Davon war bislang wenig zu sehen. Gnabry wirkt wieder etwas spritziger und mutiger, sein Selbstbewusstsein kehrt zurück – dennoch würde ich erstmal abwarten, gerade in Sachen Vertragsverlängerung. In der letzten Saison startete Gnabry ebenso stark, damals mit 2 Toren und 3 Vorlagen in den ersten 4 Spielen. Bs März folgten wettbewerbsübergreifend dann nur noch 4 Scorer, bevor Gnabry im Saisonendspurt wieder 6 Scorer beisteuerte. Es ist nichts neues, dass der mittlerweile 30-jährige vor allem im Herbst und/oder im Frühling abliefert. Die langen Dürreperioden machen mich noch etwas skeptisch, gerade in Sachen Vertragsverlängerung. Wenn Musiala zurückkommt ist die Zehner Position belegt. Sollte Gnabry seinen guten Saisonstart bestätigen können, wäre eine Verlängerung, wenn auch zu deutlich reduzierten Bezügen, verdient.
Note: 2
Harry Kane: Können wir eigentlich überspringen – absolute Weltklasse! 10 Spiele 18 Tore und 3 Vorlagen sprechen genug, dazu ein Musterbeispiel in Defensivarbeit. Wusste auch als Zehner zu überzeugen, harmonierte dann sogar mit Jackson ordentlich, das könnte Potential haben. Kane könnte auch auf der 6 Spielen, zuweilen macht er das in game auch. Harry ist auf einer Mission, das sollte jeder sehen – der Champions League Titel ist ein großes Ziel des Engländers…
Note: 1+
Nicolas Jackson: Zeigt bisher eigentlich nichts, was die sehr teure Leihe gerechtfertigt. Da hätte man Jonah Kusi-Asare besser mal gehalten und gefördert. Fahrlässige Chancenverwertung und mangelnde Technik, einzig das Zusammenspiel mit Kane um ihn herum hat gut funktioniert. Gegen Pafos mit Tor und Vorlage, ansonsten in den wichtigen Spielen ohne relevante Einsatzzeit (Frankfurt, Chelsea). Auch für den Senegal nicht unangefochtener Stammspieler. Da muss einiges kommen, um die Leihe zu rechtfertigen. Ist aber auch noch nicht so lange da, um ihn wirklich fair bewerten zu können.
Note: 4
Luis Diaz: Zeigt genau das, was von ihm erwartet wird. Legt gute Scorer auf und hat unbestritten internationale Klasse. Dennoch lässt er enorm viel liegen und hat zum Teil zu leichte Fehler in seinem Spiel, die ihm das Prädikat Weltklasse verwehren. Die Ablöse war deutlich zu hoch, dennoch ist er für den Moment ein Upgrade zu Leroy Sane. Seinen wirklichen Wert sehen wir im Frühjahr.
Note: 2
Michael Olise: Auch das geht schnell – Weltklasse. Mit Michael Olise ist dem FC Bayern 2024 ein absoluter Königstransfer gelungen. Mr.Nonchalant ist absoluter Publikumsliebling. Seine leichte positive Arroganz auf dem Feld habe ich seit Ronaldinho nicht mehr auf diesem Level gesehen. Technisch brillant und gerade im Zusammenspiel mit Laimer überragend. Ein bisschen kaltschnäuziger vor dem Tor kann er noch werden. Sonst aber in allen Bereichen wahnsinnig gut.
Note:1
Wisdom Mike: Durfte gegen Bremen sein Bundesligadebüt feiern, laut Kompany nicht als Geschenk, sondern weil er es verdient hat. Wird im November bei der U17-WM dabei sein und da hoffentlich weiterhin auf sich aufmerksam machen. Ein großes Talent, von dem wir hoffentlich noch viel sehen werden.
Note: -
Lennart Karl: Insidern schon länger bekannt dämmert jetzt so langsam jedem welches Talent der FCB da in seinen Reihen hat. Würde mir wünschen ihn häufiger als Zehner zu sehen, weil er gerade bei den kürzeren Einsätzen auf Rechtsaußen dann wenig Bälle bekommt, bzw. wenn dann in schwierigen Situationen. Bekam schon mehrfach längere Jokereinsätze und sorgte für ordentlich Alarm. Ironischerweise war genauso sein Startelfdebüt gegen Hoffenheim der wohl schwächste Auftritt, aber der einzige, in dem er einen Scorer liefern konnte. Braucht weiter Einsätze, um sich auf das Level zu bringen, wenn sein Knoten platzt, sehen wir einen neuen Stern am bayerischen Fußballhimmel.
Note: 2
Die Meldung am Dienstag, den 21.10 kam dann doch sehr überraschend: Der FC Bayern verlängert den Vertrag mit Trainer Vincent Kompany bis 2029! Das alte Arbeitspapier war bis Juli 2027 gültig. Trotz einer sportlich bis dato überragenden Saison hat diese Nachricht für etwas Verwunderung gesorgt. Das hat vor allem zwei Gründe, die wir uns genauer anschauen.
Zunächst aber gibt es Lob für Kompany: Seine Mannschaft spielt eine historisch gute Saison und überzeugt dabei auch mit attraktivem Fußball. Alle Spiele in der aktuellen Spielzeit wurden gewonnen – das ist Wahnsinn! Der attraktive Spielstil passt und sorgte schon in der vergangenen Saison für Aufsehen. Die Verlängerung ist ein „Vertrauensbeweis“ von Eberl, Hainer & Co. Obwohl also alles hervorragend läuft, gibt es vereinzelt Skepsis.
Diese Skepsis ist mit Blick auf die Historie durchaus verständlich. Sollte Kompany bis 2029 bleiben, wäre er genau fünf Jahre im Amt. Einen so langen Vertrag hatte zuletzt Julian Nagelsmann – der Ausgang ist bekannt. Der letzte Trainer, der tatsächlich so lange beim FC Bayern aushielt, war Ottmar Hitzfeld in seiner Amtszeit vom 1. Juli 1998 bis zum 30. Juni 2004. Seitdem blieb kein Trainer länger als drei Jahre. Hitzfelds Vertrag wurde damals 2003 nochmals um eine Saison verlängert, ehe Felix Magath übernahm. Der ist mit einer Amtszeit von 944 Tagen seitdem der Trainer, der am zweitlängsten im Amt bleiben konnte. Einzig Pep Guardiola schaffte mehr – der Katalane erfüllte seinen Vertrag und blieb 1.095 Tage. Seit Hitzfeld 2003 gab es tatsächlich nur bei einem einzigen Bayern-Trainer eine Vertragsverlängerung: Louis van Gaals Vertrag wurde am 27. September 2010 nach der Double-Saison und dem Erreichen des Champions-League-Finales vorzeitig um ein Jahr bis zum 30. Juni 2012 verlängert – im März 2011 wurde er entlassen.
Neben der Historie gibt es einen weiteren Punkt, der verwundert: Warum gerade jetzt? Die Frage ist bewusst kontrovers, denn natürlich hat der FC Bayern gerade den besten Saisonstart seiner Geschichte hingelegt. Trotzdem lief Kompanys Vertrag noch lange genug, um noch etwas abzuwarten – etwa, ob Kompany tatsächlich aus seinen Fehlern gelernt hat.
Was die Förderung junger Spieler betrifft, ist sein Management zwar etwas besser geworden. Die vielen Verletzungen in der heißen Saisonphase des vergangenen Jahres sind jedoch zumindest teilweise auch auf seine fehlende Fähigkeit zur sinnvollen Rotation zurückzuführen. Mit dem vermeidbaren Verpassen der Top 8 in der Ligaphase der Champions League (Niederlagen bei Aston Villa und Feyenoord) kamen zwei weitere englische Wochen hinzu, in denen es gegen Celtic um ein Haar sogar noch in die Verlängerung gegangen wäre. Kompanys Erfolgsbilanz in Spitzenspielen ist außerdem sehr ausbaufähig. Gerade die Champions-League-Bilanz ist – für Bayern-Verhältnisse – katastrophal. Der Sieg auf Zypern gegen Pafos war erst der zweite Auswärtssieg für Kompany in diesem Wettbewerb! Beim FC Bayern wird man aber nun einmal an der Champions League gemessen. Den endgültigen Nachweis, dass er auf diesem Level liefern kann, hat er bisher noch nicht erbracht. Ebenso wenig konnte er seine Taktik in den großen Spielen flexibel anpassen: Gegen Barcelona lief er damit ins offene Messer, und auch gegen Inter wurde so der Ausgleich im Hinspiel verschenkt.
Dazu kommt das frühe DFB-Pokalaus gegen Leverkusen. In der Liga mühte man sich zu einem 0:0, bevor man später in der Champions League gegen die inzwischen völlig außer Form geratenen Leverkusener souverän und deutlich weiterkam. Auch am Wochenende gegen Dortmund hatte man beim 1:0 Glück mit einer Schiedsrichterentscheidung – und wäre das Spiel noch zehn Minuten länger gegangen, wäre der Ausgleich ziemlich sicher gefallen. Selbst in der Klub-WM ließ man sich trotz doppelter Überzahl noch von PSG auskontern und kassierte das 2:0.
Ich mag Vincent Kompany. Selten gab es einen so sympathischen und intelligenten Trainer an der Säbener Straße. Allein seine Interviews und Pressekonferenzen sind eine Wohltat. Wir erleben derzeit einen so guten und schönen Fußball wie schon lange nicht mehr. Dennoch hätte die Entscheidung bis zum Frühjahr warten können – wenn nicht sogar müssen. Denn wir wissen alle, wie schnell sich das Blatt in München wenden kann. Ich würde Vincent Kompany die Erfüllung seines Vertrages bis 2029 wirklich wünschen, wenngleich die Historie nicht dafürspricht. Vielleicht hat man in München aber auch einfach dazugelernt und gibt einem jungen Trainer die Zeit, sich zu entwickeln. Ob es die richtige Entscheidung war, wird nur die Zukunft zeigen.
Vincent Kompany: Scheint dazugelernt zu haben, manchmal verfällt er aber wieder in dieselben Muster. Das Viertelfinalaus gegen Inter Mailand war bitter, davor gab es aber vor allem außerhalb von Deutschland enorme Probleme, egal ob gegen Aston Villa, Feyenoord oder Celtic. Dazu die Schmach gegen Barcelona. Bislang ist Bayern aber eine, wenn nicht sogar die formstärkste Mannschaft der Welt.
Note: 1-
