Der Polarexpress fährt weiter durch Europa!

von Mika Müller - 25.Feb - 13:00
Die Norweger können’s nicht nur in der heimischen Kälte, sondern auch in Norditalien – Was auf die Wintersportler bei den olympischen Spielen zutriFt, galt am Dienstagabend auch für die Fußballer aus Bodø– sie dominierten! Nach Platz 1 im Medaillenspiegel, der WM-Qualifikation mit einem 7:1 über zwei Partien im direkten Duell für Norwegen, war es das dritte Mal in kurzer Zeit, dass die Skandinavier in Italien siegreich waren.
Nach dem 3:1 Erfolg in Bodø vergangene Woche musste der Underdog das Duell im Guiseppe-Meazza Stadion überstehen. Bereits im Metropolitano bei Atletico Madrid bewies man, dass man auch fernab des Polarkreises für Überraschungen gut ist. Der unglaubliche Siegeszug startete Anfang Dezember in Dortmund. Bodø/Glimt stand mit zwei Punkten aus fünf Spielen auf Platz 32. Die heimische Liga endete bereits Ende November – Bodø/Glimt verpasste zum ersten Mal nach vier Saisons die Meisterschaft. Stattdessen holte Viking FK ihren ersten Meistertitel nach 36 Jahren. Gegen Borussia Dortmund erzwang man dennoch ein 2:2 und hielt mathematisch die Chance auf die Play-Offs am Leben. Aufgrund der norwegischen Winterpause hatte man einen Monat kein Pflichtspiel – bis Manchester City den Weg nach Nordnorwegen antrat. Ein 3:1 mit zwei aberkannten Abseitstoren der Gastgeber hielt die Chancen weiterhin am Leben. Mit Atletico Madrid wartete das nächste Schwergewicht. Spätestens nach dem TreFer des norwegischen Atletico Stürmers Sørloth schien alles klar. Doch nicht mit Bodø/Glimt! Sie drehten das Spiel, gewannen mit 2:1 und qualifizierten sich auf Platz 23 für die Playoffs.
Trainer Kjetil Knutsen erklärte das Motto der Blitze: Sie spielen ohne Angst, weil sie nichts zu verlieren haben. Außerdem sagt er nie das Wort Sieg, Gewinnen oder ähnliche Synonyme. Was aber wenn man auf einmal doch etwas zu verlieren hat - wie eine Hinspiel-Führung in einer Champions League K.o.-Runde, in einem der prestigeträchtigsten Stadien der Welt, vor doppelt so viel Zuschauern wie die heimische Stadt Einwohner hat?
In der ersten Halbzeit konnte sich Inter mehrere Chancen herausspielen, allerdings verteidigten die Norweger geschlossen als Einheit und ließen wenig zu. Wenn doch parierte Keeper Nikita Haikin, der die meisten Paraden aller Torhüter der aktuellen Champions League Kampagne vorzuweisen hat. Gegen den Ball war das Zentrum kompakt, Inter biss sich die Zähne an den Norwegern aus, die taktisch simpel, aber überragend eingestellt waren. Ein einfaches 4-3-3 wurde gegen den Ball zu einem 4-4-2. Die Mailander wirkten sehr behäbig, anders die Gäste, wenn sie mal ins Umschaltspiel kamen. Dann wurde schnell und mit vielen Spielern angegriFen. Die Spieler von Knutsen sind Meister des Spiels über den dritten Mann und des Steil-Klatsch Prinzips.
In der zweiten Halbzeit war Inter zunächst wieder spielbestimmend, ohne gefährlich zu werden. Manuel Akanji musste nach einem Zweikampf mit Blomberg behandelt werden. Nach kurzer Zeit kehrte er mit einem Turban zurück. Keine 180 Sekunden später vertändelt der Schweizer leichtfertig den Ball und die gelben Blitze schwärmen aus. Blomberg scheitert zunächst noch an Yann Sommer, doch Jens Petter Hauge staubt ab und triFt zur Führung im Guiseppe Meazza Stadion. In dem Stadion in dem die norwegische Nationalmannschaft vor ein paar Monaten Italien noch mit 1:4 demütigte, in dem Stadion, in dem der Siegeszug norwegischen Olympioniken losging. Mailand ist wieder in norwegischer Hand. Inter Coach Christian Chivu reagiert mit einem Dreifachwechsel – Inter braucht nun drei TreFer für die Verlängerung. Die Hausherren drücken nun gewaltig und haben ihre beste Phase. Stürmer Kasper Högh verhindert einen Akanji Ausgleich auf der Linie, kurze Zeit rettet der Pfosten für Bodø. Als die sich in der 72. Minute das erste Mal wieder gefährlich nach vorne wagen zeigen sie ihre Klasse. Hauge kommt an der rechten Seitenlinie an den Ball und spielt ihn halbhoch durch die gesamte Inter Abwehr auf den durstartenden Haakon Evjen, der das Zuspiel erst überragend kontrolliert und danach Volley in die lange Ecke triFt – Bodø/Glimt führt mit 2:0 im San Siro und mit 5:1 in der Gesamtwertung gegen den Vorjahresfinalisten. Der sechsmalige Europapokalsieger kommt durch Bastoni zwar nochmal ran, sein Tor mit dem Knie ist aber nicht mehr als Ergebniskosmetik.
Somit ist die Antwort eindeutig – ein 2:1 Auswärtssieg bedeutet den sensationellen Einzug ins Achtelfinale. Es ist die wohl größte Underdog-Story seit APOEL Nikosias Viertelfinaleinzug 2011/2012. GeschaFt haben sie es mit vier Siege in Folge gegen Manchester City, Atletico Madrid und zweimal Inter Mailand. Zuvor hatte man Borussia Dortmund, Juventus Turin und Tottenham bereits am Rande der Niederlage. Viel wird geschrieben über ihre Heimstärke und ja das stimmt. AS Rom schickte man einst mit 6:1 nach Hause, auch Besiktas, der FC Porto, Olympiakos Piräus und Lazio Rom mussten in den letzten Jahren die Rückreise aus Bodø mit einer Niederlage im Gepäck eintreten. Der Europa League Halbfinaleinzug war eigentlich schon sensationell genug, doch die Traumreise im nördlich des Polarkreises geht weiter, dieses Mal auf der höchsten internationalen Bühne. Am Freitag wird der Gegner ausgelost. Möglich sind zum einen Sporting Lissabon, der vermeintlich schwächste aus der Top-8 und zum anderen Manchester City, die erst vor einem Monat mit 3:1 in Bodø verloren haben …
