Bochums Kader im Check – warum der Traum vom direkten Wiederaufstieg platzt?!

von Louis - 14.Sep. - 23:48
Der VfL Bochum spielt nach vier Jahren Bundesliga wieder zweitklassig- und galt bei vielen als Aufstiegskandidat. Doch der Start lässt zu wünschen übrig: 3 Punkte aus 5 Spielen, dazu ein wenig überzeugender Auftritt im DFB Pokal. Dieter Hecking forderte Tempo, bekam dies nur bedingt. Im folgenden Artikel lassen wir die Transferphase der Bochumer nochmal Revue passieren und ziehen ein anschließendes Fazit.
Leandro Morgalla
Der deutsche U21-Nationalspieler ist bislang mit Abstand der überzeugendste „Transfer“ der Bochumer- leider ist er nur geliehen. Der VfL hat sich scheinbar eine Kaufoption im Bereich von circa 2m € gesichert, ob diese allerdings finanziell stemmbar ist, ist unklar. Hier wäre ein Modell ähnlich wie bei Tzimas oder Tzolis denkbar, heißt, dass die Option nur dann gezogen wird, wenn man den Spieler bei großem Interesse anderer Vereine teurer weiterverkaufen könnte. Morgalla spielt meist als rechter IV in der Bochumer Dreierkette, hat allerdings auch einen ordentlichen Vorwärtsdrang. Besonders sein hohes Tempo macht ihn unverzichtbar für den VfL. Generell ist die Abwehrkette nämlich ziemlich langsam. Wie bereits beschrieben, ist Morgalla bislang der beste Bochumer Neuzugang.
Colin Kleine-Bekel
Der 22-jährige Innenverteidiger kommt ablösefrei von Kiel. Hier übernahm er in der Aufstiegssaison eine wichtige Rolle als linker IV und war maßgeblich am Aufstieg beteiligt. Eine ähnliche Rolle kann er beim VfL bislang nicht einnehmen. Dies liegt vor allem daran, dass es ihm an Matchfitness fehlt. Nach seiner extrem langen Verletzung muss er erst wieder bei 100% ankommen, gegen Schalke kam er in der 70. Minute ins Spiel und lies sich von Lasme abkochen- allerdings rettete er auch einmal vor der Linie, eigentlich eine 100-prozentige. Kleine-Bekel bringt allerdings eher wenig Tempo mit. Mit Ball am Fuß ist er okay, seine Stärken liegen im direkten Zweikampf. Bislang konnte er dem VfL allerdings noch nicht helfen.
Philipp Strompf
Ein weiterer Innenverteidiger, ein weiterer Spieler ohne viel Tempo. Strompf kommt für eine geringe Ablöse vom Zweitligaabsteiger aus Ulm (laut TM: 100.000), spielt sich direkt in die Startelf und fehlt derzeit ebenfalls angeschlagen. Der 27-jährige Deutsche ist zweikampfstark, wagt viele Vorstöße und ist meist sauber mit Ball am Fuß. Allerdings unterlaufen ihm öfters vermeidbare Fehler. Durch sein fehlendes Tempo kann er diese auch nicht immer ausbügeln. Bislang waren seine Leistungen eher gemischt, auch er konnte dem VfL nicht die bitter benötigte Stabilität verleihen.
Kevin Vogt
Der als Königstransfer angepriesene Transfer von Kevin Vogt erweist sich bislang als totaler Reinfall. Laut Berichten wurde eine Ablöse fällig, dazu kommt sein sehr hohes Gehalt, für das der VfL sich ordentlich strecken musste. Man hoffte auf einen richtigen Leader, der den Unterschied in der zweiten Liga macht- im positiven Sinne. Bislang fiel Vogt eher negativ auf. Ein verschossener Elfmeter auf Schalke, im Kopf zu langsam bei dem 2:1 für Darmstadt, beim 0:1 gegen Münster schiebt er viel zu weit nach vorne, lässt sich sehr leicht austanzen und hat dann nicht das nötige Tempo, um die Meter zurück zu machen. Dazu kommt seine arrogante Art, die vielen Fans sauer aufstößt. Auch mit Ball haben sich viele Leute mehr erhofft. Bislang ein komplettes Missverständnis.
Romario Rösch
Ein weiterer Ulmer, Rösch kommt allerdings ablösefrei. Er ist ein sehr polyvalenter Spieler und ist als Wittek-Backup eingeplant. Ihn zeichnet vor allem sein hohes Tempo aus, dies fehlt dem VfL in vielen Mannschaftsteilen. Dazu ist er ein guter Flankengeber, ist pressingstark und „giftig“. Allerdings ist seine Ballkontrolle und sein Defensivpaket eher schwach. Insgesamt ein Spieler für die Breite, das war vielen schon von Anfang an klar, allerdings denke ich, dass der VfL auf den Außenverteidiger-Positionen mehr als das brauchte. Als Rechtsverteidiger ist Passlack defensiv einfach viel zu schwach, Koscierski spielt seine erste Profisaison. Auch Witteks Leistungen sind eher durchwachsen. Hier hätte der VfL eindeutig einen festen Stammspieler benötigt, nicht einen Spieler für die Breite. Immerhin zeigt Rösch sich bissig und bringt eine super Mentalität mit- eigentlich Bochumer Grundtugenden, die man bislang aber bei einigen Spielern vemisst.
Francis Onyeka
Es geht weiter im Mittelfeld, Onyeka kommt leihweise von Bayer Leverkusen. Hier konnte der VfL sich natürlich keine Kaufoption sichern, Leverkusen sieht Onyeka als Riesentalent an. Und das zeigte Onyeka bei seinen bisherigen Einsätzen auch. In seinem Bundesligaheimdebut gegen Münster war er einer der wenigen Lichtblicke, sein Ball-Carrying ist zwar noch recht roh, aber in den Ansätzen schon sehr stark. Seine Physis ist ebenfalls gut, er kann problemlos in der 2. Liga mithalten. Sein Passspiel ist stark, technisch ist er generell top ausgebildet. Ihm fehlt es noch ein wenig an Erfahrung, weshalb seine Entscheidungsfindung noch etwas unreif ist. Generell ist er aber eine super Ergänzung für das Bochumer Mittelfeld und bringt fehlende Qualität am Ball sowie etwas Kreativität mit. Im Laufe der Saison wird er sich weiterentwickeln und die nächsten Schritte in der 2. Bundesliga gehen. Ich bin mir sicher, dass Onyeka im Laufe der Saison ein wichtiger Spieler für den VfL sein wird.
Kjell Wätjen
Wätjen kommt ebenfalls leihweise zum VfL Bochum, allerdings vom Nachbar aus Dortmund. Der Mittelfeldspieler ist ein dynamischer und fleißiger Mittelfeldmotor, dessen größte Stärke das Ball-Carrying ist. Er ist pressingstark, hat einen feinen Fuß. Aber auch er ist noch jung- er trifft öfters Fehlentscheidungen oder agiert noch etwas ungestüm. Genauso wie Onyeka wird er mit der Zeit mehr Erfahrungen sammeln. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten hat Wätjen nun auch den Sprung in die Bochumer Startelf gepackt, war ebenfalls einer der Lichtblicke in den bisherigen Spielen des VfL.
Ibrahim Sissoko
Der Namensvetter des Bochumer Sechsers kommt ablösefrei von Saint-Etienne, wo er als Stürmer in der Ligue 2 konstant zweistellig traf. In Bochum sieht es bislang noch überhaupt nicht danach aus, Sissoko kam unfit in Bochum an, traf in seinem ersten Testspiel sehenswert und überzeugte seitdem nicht. Er hat Probleme mit der Ballkontrolle, ist nicht sonderlich abschlussstark und hat seine Chancen bislang eher als Joker bekommen. Er macht Bälle schlechter fest als Hofmann, sodass er wahrscheinlich auch weiterhin eher von der Bank kommen wird. Er ist zudem recht schwach im Pressing, wirkt generell nicht ganz bei der Sache. Beim 2:1 auf Schalke war er beim zweiten Gegentor z.B. einfach nicht clever genug. Bislang ein sehr enttäuschender Transfer, von dem sich so mancher Fan mehr erhofft hat.
Mathis Clairicia
Der 23-jährige Franzose kommt ablösefrei aus der Championnat National von Châteauroux. Er ist ein großgewachsener Stürmer mit einem sehr interessanten Profil. Er ist circa 1,88m groß, verfügt über ein hohes Tempo und ist körperlich sehr robust. Diese Mischung lässt seine Bewegungen ein wenig „unorthodox“ aussehen. Zudem ist diese Saison seine erste richtige Profisaison. Daher denke ich, dass er sich in dieser schneller entwickelt, als andere 23-Jährige. Bislang kommt auch eher meist als Joker zum Einsatz. Aber auch Clairicia war bei seinen Einsätzen, trotz seiner schwachen Technik, noch einer der Spieler, die eher positiv aufgefallen sind. Dass er keine Sofortverstärkung für die Mannschaft ist, war klar. Dafür kann Clairicia mit seinem sehr spannenden Gesamtpaket eine Verstärkung für die Zukunft sein.
Michael Obafemi
Der Ire wechselt leihweise von Burnley zum VfL und wurde als klassischer Paniktransfer betitelt. Er scheint nicht fit zu sein, dazu kommt, dass er laut verschiedensten Quellen ein ziemlich unprofessioneller Spieler sein soll. Er wirkt nicht spielintelligent, hat Schwächen im Abschluss, in der Zweikampfführung, im Pressing. Dafür bringt er aber Tempo, Beweglichkeit, Tiefgang. Allesamt Dinge, die dem VfL in der Offensive fehlen. Von daher ist zumindest gut, dass der VfL sich ein solches Profil gesichert hat. Ob Obafemi aber eine wirkliche Verstärkung ist, ist derzeit noch unklar. Tendenz: eher nein.
Farid Alfa-Ruprecht
Auch Alfa-Ruprecht kommt leihweise zum VfL. Der junge Flügelspieler wechselte diese Saison von Manchester City zu Bayer Leverkusen und soll in der 2. Bundesliga Spielpraxis bei den Profis sammeln. Alfa-Ruprecht bringt viel Tempo mit, ist dazu spielintelligent, pressingstark. Sein Abschluss ist platziert, seine Flanken sehr gefährlich. Er ist ein klassischer Dribbler, hat im 1v1 seine Stärken. Auch dieser Spielertyp fehlte dem VfL bislang- generell fehlt es aber an Flügelspielern. Es fehlt aber auch an Erfahrung. Mit Alfa-Ruprecht kommt ein weiterer Spieler, der keine (bzw. wenig) Profierfahrung hat.
Fazit
Die Transferperiode des VfL Bochums war enttäuschend und sehr schwach. Die Spieler, die bislang vorangehen und Lichtblicke des Bochumer Spiels sind, sind allesamt Jugendspieler oder Leihspieler. Von den Leihspielern wird man langfristig niemanden halten können. Ein Cajetan Lenz, der frisch aus der eigenen Jugend kommt, entpuppt sich als Riesentalent- fraglich, ob er über die Saison hinaus beim VfL bleibt. Von den festen Transfers wird man, außer von Clairicia und Kleine-Bekel, keine Wertsteigerung erwarten können. Und beide spielen derzeit nicht auf akzeptablen Zweitliganiveau. Wie man in Zukunft also die notwendigen und geforderten Ablösesummen in die Kasse spülen möchte, ist völlig unklar. Ein Ibrahima Sissoko könnte noch eine gute Summe einbringen, aber ansonsten gibt es keine Verkaufskandidaten, mit denen man einen Profit erzielen könnte- außer Lenz. Das zeigt, dass auf dem Transfermarkt nicht gut gearbeitet wurde. Stichwort Kaderwertsteigerung- wie soll dies gelingen, wenn du nicht gut auf dem Transfermarkt agierst?
Der Kader hat große Lücken und Probleme, die jedem Fan seit geraumer Zeit auffallen. Es fehlt an Tempo, es fehlt an Kreativität, es fehlt an Flügelspielern und vor allem an Führungsspielern. Diese Lücken scheinen den Verantwortlichen des VfLs nicht aufzufallen. Im Tor zeigt Timo Horn bislang gute Leistungen, rettet den VfL gegen Paderborn vor einer Blamage. In der Innenverteidigung fehlt es an Tempo, lediglich Morgalla bringt dieses mit. Die Außenverteidiger sind qualitativ nicht gut genug. Im Mittelfeld fehlt es eindeutig an Kreativität. Sissoko, der ein absoluter Unterschiedsspieler sein kann, ist derzeit verletzt. Matus Bero wird seiner Rolle als Kapitän und Führungsspieler nicht gerecht. Die Lichtblicke? Die jungen Spieler. Davon viele geliehen, nach der Saison werden diese große Lücken hinterlassen. Die Offensive ist insgesamt das größte Kaderproblem der Bochumer. Auf den Flügeln ist man schwach besetzt, Holtmann und Alfa-Ruprecht sind die einzigen klaren Flügelprofile- das reicht nicht. Das angedachte 3-5-2 System setzt zwar nicht auf klare Flügelspieler, funktioniert aber einfach nicht. Und für ein 4-3-3 fehlt es dann an Breite und Qualität. Im Sturm fehlt ein Torjäger. Hofmann macht zwar Bälle fest, strahlt aber keinerlei Torgefahr aus. Selbiges gilt für Sissoko. Clairicia ist (noch) kein Spieler mit Zweitliganiveau, eher eine Wette für die Zukunft. Und zuletzt wäre da noch Obafemi. Ihm fehlt es aber an Stürmerinstinkten.
Insgesamt kann man nur sagen, dass die Transferperiode der Bochumer ein Griff ins Klo war. Die „Säulen“ der Abstiegsmannschaft sind einfach keine- sie gehen nicht durch Leistung voran, Bero wendete sich sogar nach dem Münster-Spiel von den Fans ab. Qualitativ lassen fast alle Transfers zu wünschen übrig. Es fehlt Tempo, Kreativität. Es fehlen gestandene Spieler mit Qualität. Es fehlt ein funktionierendes System, klare Abläufe und Strukturen- womöglich muss Hecking bald seine Koffer packen. Auch Dufner ist bei den Fans bereits angezählt. Der Kader stand zwar früh, aber was bringt das, wenn er nicht gut ist?
Der VfL befindet sich seit zwei Jahren, vermutlich schon etwas länger, in einer Abwärtsspirale. Und das fiel einigen Fans auf. Den Verantwortlichen scheinbar nicht. Der VfL sollte seine anfänglichen Ambitionen vorerst auf Seite legen und sich auf das konzentrieren, was zählt: der Klassenerhalt.
