Transferfarce an der Säbener Straße: Bayerns chaotischster Sommer seit Jahren!

von Mika Müller - 15.Sep. - 00:23

„Wir müssen jetzt kreativ werden“ sagt ein sichtlich ratloser Max Eberl am Tag vor dem Bundesliga-Auftakt gegen Leipzig. Der FC Bayern hat nur drei fitte, arrivierte Offensivspieler im Kader, bekommt eine Absage nach der anderen und hat ganz eindeutig Transferpanik. Doch wie konnte das passieren? Ein Überblick über die wohl chaotischste Transferphase, die es in München (zumindest an der Säbener Straße) je gab.

Am 01.07.2025 stehen zusätzlich zu den arrivierten Kräften Kingsley Coman, Serge Gnabry, Michael Olise, Jamal Musiala und Harry Kane folgende Spieler unter Vertrag: Mathys Tel, Paul Wanner, Bryan Zaragoza, Arijon Ibrahimovic, Lovro Zvonarek, Frans Krätzig, Maurice Krattenmacher, Adam Aznou, Nestory Irankunda und Gabriel Vidovic. Tels Transfer zu Tottenham stand zu diesem Zeitpunkt ebenso fest wie der Abgang von Thomas Müller nach der Klub-WM. 

Trotz drei Langzeitverletzungen im ohnehin schon dünnen Kader ist von den zehn oben genannten Spielern kein einziger mehr Teil des aktuellen Kaders. Bei allen Spielern handelt es sich um Talente, die anderswo schon Profierfahrung sammeln und sich beweisen konnten. Trotz der angespannten Lage in fast allen Mannschaftsteilen wurde kein Versuch unternommen, auch nur einen dieser Spieler zu integrieren. Trotz der Ausfälle von Alphonso Davies und Hiroki Ito wurden mit Adam Aznou und Frans Krätzig zwei vielversprechende Linksverteidiger abgegeben. Diese haben zugegebenermaßen kein Bayern-Niveau, aber das hatten in der Vergangenheit Spieler wie Holger Badstuber, David Alaba oder Diego Contento anfangs auch nicht. Zumindest einem von beiden hätte man die Chance geben können, zumal Davies sowieso im November zurückerwartet wird. Mit Josip Stanisic und Raphael Guerreiro bleiben so zwei Spieler, die auch auf anderen Positionen eingeplant sind. Wenigstens wurde die Innenverteidigung mit Jonathan Tah sinnvoll verstärkt, auch wenn der Abgang von Eric Dier schmerzt. Der Engländer hat sich trotz anfänglicher Skepsis in kurzer Zeit zum Publikumsliebling gemausert und immer seinen Job erledigt. 

Im zentralen Mittelfeld ist mit Tom Bischof ein sehr spannender Spieler dazugekommen, der hoffentlich auf seiner guten Saison in Hoffenheim aufbauen kann. Dafür ist das große Missverständnis um Joao Palhinha zumindest für die aktuelle Saison erledigt. In seinen ersten Auftritten bei Tottenham konnte er allerdings seine Qualitäten zeigen, die dem Bayern-Kader trotz aller Kritik gut zu Gesicht stehen würden. Im UEFA-Supercup war Palhinha ein unangenehmer Zweikämpfer und sorgte unter anderem dafür, dass Desire Doue und Vitinha nicht wirklich ins Spiel kamen. Erst nach seiner Auswechslung konnte PSG ausgleichen. 

In der Offensive geriet die Spielersuche zur Farce. Die Kaderplätze von Sané, Müller, Tel/Vidovic (Vidovic übernahm im Winter Tels Kaderplatz) und Kingsley Coman wurden frei. Zudem war früh bekannt, dass Jamal Musiala wohl bis in den Winter verletzungsbedingt fehlen wird. So werden quasi 4,5 Kaderplätze frei. Bryan Zaragoza wurde schnell vom Hof gejagt, für Arijon Ibrahimovic und Maurice Krattenmacher ging es per Leihe nach Heidenheim bzw. zu Hertha BSC. 

 

Der aus Australien geholte und anfangs gehypte Nestory Irankunda wurde nach einer Leihe zu den Grasshoppers Zürich zum FC Watford abgeschoben, wo er bislang überzeugen kann. Irankunda wollte eigentlich nicht weg, aber mit Hinblick auf die WM 2026 braucht er Spielzeit und da Bayern sich während der Leihe und auch danach nicht bei ihm meldete, musste er diese „wirklich harte Entscheidung“ treffen. Mit Lennart Karl und Jonathan Kusi-Asare konnten dafür zwei Toptalente in der Vorbereitung überzeugen. Beide wurden in der Folge für den Kader eingeplant, zumal sich der FC Bayern nicht zuletzt durch die Absagen von Wirtz und Woltemade eine Watschn nach der anderen abholte. Für 70 Millionen € kam Luis Diaz aus Liverpool. Ein elitärer Flügelspieler, keine Frage, aber auch sehr viel Geld für einen Spieler, der im Januar 29 Jahre alt wird und vor allem von seiner Schnelligkeit lebt. Für den Moment ist der Kolumbianer allerdings eine echte Verstärkung. Zusätzlich wird Paul Wanner zur Alternative für die Zehnerposition. Spätestens seitdem ihn Julian Nagelsmann mit 16 Jahren zum jüngsten Bundesligaspieler der Bayern machte, ist Wanner als Spieler der Zukunft in München bekannt. Obwohl aufgrund der Musiala-Verletzung seine Idealposition bis auf Weiteres frei wäre, entschied sich Wanner für einen Wechsel zur PSV Eindhoven. Das ist sehr schade, weil es einmal mehr das Ansehen des FC Bayern bei jungen Talenten zeigt. Andererseits hat Wanner in seiner jungen Karriere bereits gezeigt, dass er ein sehr guter Einwechselspieler ist. In der Relegation legte er zwölf Minuten nach seiner Einwechslung überragend den entscheidenden Treffer vor und konnte auch bei der U-21-EM in seinen Kurzauftritten Akzente setzen. Durch seinen Abgang wird die Not in der Offensive noch größer, auch weil die Hoeneß’sche Leihpolitik es den Verantwortlichen erschwert, neue Spieler zu bekommen. Max Eberl ließ durch die Blume verlauten, dass er bei Comans Wechsel zu Al-Nassr davon ausging, einen adäquaten Ersatz fest verpflichten zu können. 

Mangels Alternativen wurde so am Deadline Day Nicolas Jackson für 16 Millionen € Leihgebühr vorgestellt, nachdem auch dieser Transfer fast kinoartig noch geplatzt wäre, weil sich Liam Delap verletzte und Chelsea kurz nachdachte, Jackson vielleicht doch zu behalten. Nicolas Jackson ist ein Mittelstürmer, für diese Position wurde kurz zuvor noch Jonathan Kusi-Asare als Kane Backup verkündet. Währenddessen geht man ohne wirklichen Zehner in die Saison, auch wenn Serge Gnabry sich aktuell dort gut präsentiert. Derselbe ist auch gleich erster Ersatzspieler auf beiden Flügeln, außerdem steht Lennart Karl in den Startlöchern und konnte in jedem seiner Einsätze sein riesiges Talent andeuten. Bleibt zu hoffen, dass er entsprechende Spielzeit erhält und nicht etwa Guerreiro vorgezogen wird. 

Zu allem Überfluss der ganzen Transferfarce wurde nach der Jackson-Ankunft kurzfristig auch noch Kusi-Asare verliehen, nachdem ihm kurz vor Saisonbeginn noch verdeutlicht wurde, dass mit ihm als Kane-Ersatz geplant wird und er bitte seine Leihangebote ablehnen solle. De facto wurde der Kader mit Jackson also auch nicht größer, es wurde nur der Kaderplatz eines Talents ersetzt. Erwähnung finden müssen auch noch die sinnlosen Leihen von Lovro Zvonarek zum Partnerklub Grasshoppers Zürich, Daniel Peretz auf die Ersatzbank vom HSV und dem verletzungsgeplagten Talent Tarek Buchmann, der gerade nichts mehr braucht als konstante Spielzeit, zum 1. FC Nürnberg, wo er bislang auf keine einzige Profispielminute kommt. 

 

Auch das ist ein Sinnbild für das Vollversagen in diesem Sommer. Auch die Jahre davor waren nicht souverän und mit wenig Weitsicht. In der Bundesliga wird es trotzdem zur Meisterschaft reichen, aber international dürfte der Kader, der qualitativ zwar im höchsten Regal anzusiedeln ist, aufgrund der fehlenden Tiefe nicht für die hohen Ziele genügen. Wenn alle fit bleiben, vielleicht, aber wann war das in München mal der Fall?

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