Vom Fast-Spielabbruch zum Afrikameister – Das sind die Hintergründe, die den Senegal zum Eskalieren brachten!

von Mika Müller - 19.Jan - 20:00

Am Ende war es Claude Le Roy, der mit trauriger Miene auf Sadio Mané einredete. Die Trainerlegende war für sechs Mannschaften bei sieben Afrika Cups dabei und gilt als einer der größten Förderer des afrikanischen Fußballs. Er ist sich der Tragweite dessen bewusst, was da gerade passiert ist.

Er ist sich der Tragweite dessen bewusst, was da gerade passiert ist. Schiedsrichter Jean-Jacques Ndala Ngambo hatte einen minimalen Kontakt in der 92. Minute als Foul abgepfiSen und so das anschließende senegalesische Führungstor verhindert. Hätte er zwei Sekunden länger mit seinem PfiS gewartet, hätte mithilfe des VAR die Situation überprüft werden können. Im Grunde sind sich alle Experten einig – das war kein Foulspiel. Hakimi ließ sich nach einem kurzen Kontakt fallen, um einen Freistoß zu provozieren. Kurz darauf lässt sich Brahim Díaz auf eine ähnlich theatralische Weise fallen, dieses Mal allerdings nach einer Ecke für Marokko im Strafraum des Senegal. Die Szene wurde im Spiel nicht abgepfiSen und Ngambo wollte das Spiel schon wieder fortsetzen, doch Brahim hörte nicht auf, sich zu beschweren. Statt einer gelben Karte für Brahim entschied sich der Schiedsrichter, die Szene tatsächlich selbst noch einmal zu überprüfen. Währenddessen eskalierte die Situation an der Ersatzbank und es kam zu einer großen Rudelbildung. Diese war noch nicht aufgelöst, als Ngambo tatsächlich in Richtung Elfmeterpunkt zeigte. Daraufhin wurde die Rudelbildung noch undurchsichtiger und Trainer Pape Thiaw holte seine Mannschaft vom Platz. So etwas hat es noch nie in diesem Ausmaß gegeben. Claude Le Roys Worte bewegten Sadio Mané dazu seine Mannschaft wieder aus der Kabine zu holen. Für Personen, die sich nicht mit dem afrikanischen Fußball oder diesem Turnier auskennen, ist das natürlich ein gefundenes Fressen. Schaut mal, was die Afrikaner schon wieder Lustiges machen und dass nur wegen einer Fehlentscheidung. Doch das ist etwas zu einfach, ein bisschen mehr Kontext gibt es dann doch. Wir springen zurück in der Zeit, um die Frage zu beantworten, wie es überhaupt so weit kommen konnte.

 

Der afrikanische Fußballverband hat schon mehrfach Skandale produziert. Korruption, Schiedsrichterbestechungen oder unseriöse Turniervergaben. Nicht selten waren Schiedsrichter direkt beteiligt. Nach einem Qualifikationsspiel für die WM 2018 zwischen Südafrika und dem Senegal wurde der damalige Schiedsrichter wegen Spielmanipulation gesperrt und ein Wiederholungsspiel angesetzt. Der Senegal gewann das Wiederholungsspiel und qualifizierte sich für die WM. Die FIFA erklärte damals in einem Statement, dass Schiedsrichter Lamptey am 12. November 2016 "unerlaubt Einfluss auf den Ausgang des Spiels" zwischen Südafrika und dem Senegal genommen und damit gegen Artikel 69 Absatz 1 des Disziplinarreglements verstoßen habe. Damals wurde ein sehr fragwürdiger Elfmeter für Südafrika gegeben, die am Ende das Spiel mit 2:1 gewannen. Der Senegal gewann das Wiederholungsspiel und qualifizierte sich für die WM. Für die Senegalesen ist das Thema somit deutlich präsenter, denn sie waren selbst schon einmal betroSen. Außerdem gab es in den letzten Turnieren eine enorme Anhäufung an Fehlentscheidungen für den jeweiligen Gastgeber.

2015 führte Tunesien gegen Gastgeber Äquatorialguinea im Viertelfinale mit 1:0, bevor die Ausrichter in der Nachspielzeit einen der lächerlichsten Elfmeter der Fußballgeschichte zugesprochen bekamen. Balboa verwandelte und das Spiel ging in die Verlängerung, wo erneut Balboa traf und seiner Nation damit das Weiterkommen ins Halbfinale sicherte.

2022 wurde Gastgeber Kamerun auf dem Weg ins Halbfinale von mehreren schmeichelhaften Entscheidungen begleitet. Inmitten der Covid-19-Pandemie fielen bei allen Mannschaften regelmäßig Spieler aus, weil sie positiv getestet wurden oder in Quarantäne mussten – nur bei Kamerun gab es keinen einzigen Fall. Dafür sehr häufig bei ihren direkten Gegnern. Im Achtelfinale gegen die Komoren musste ein Feldspieler das Tor hüten, weil alle drei Torhüter ausfielen. Einer war verletzt und die beiden weiteren wurden positiv getestet. Obwohl ein Torwart am Spieltag negativ getestet wurde, durfte er dennoch nicht spielen, weil mitten im Turnier die Regularien dahingehend geändert wurden, dass ein Spieler fünf Tage in Quarantäne bleiben muss. Zuvor hatte ein negativer Test ausgereicht. Die Komoren beantragten eine Ausnahmegenehmigung, nachdem zuvor Tunesiens Wahbi Khazri eine solche bekommen hatte. Dieses Mal wurde sie abgelehnt. Im Spiel bekamen die Komoren früh eine sehr harte rote Karte und mussten so mit Feldspieler im Tor und mit einem Mann weniger über 80 Minuten in Unterzahl bestreiten – Kamerun gewann knapp mit 2:1.

Im Dezember 2025 begann der Afrika Cup. Marokko bekam während des Turniers einen schmeichelhaften Elfmeter gegen Mali, während diese einen eindeutigen Elfmeter nicht bekamen. Im Achtelfinale war Marokko erneut im Glück, als Tansania beim Stand von 1:0 in der Nachspielzeit einen möglichen Elfmeter bei einem Schubser, der deutlich intensiver war als der, um den es im Finale gehen sollte, nicht bekam. Gegen Kamerun wurde Mbeumo im Strafraum zu Fall gebracht – auch hier forderten viele Zuschauer einen Elfmeter. Der Schiedsrichter entschied anders. Bereits damals wurde der Vorwurf laut, der CAF und die FIFA wünschen sich den Gastgeber Marokko als Sieger. Marokko gewann nur einmal den Afrika Cup und das ist bereits 50 Jahre her. Der Turniersieg im eigenen Land wäre eine schöne Geschichte für die fußballverrückte Nation, die in den letzten Jahren eine rasante Entwicklung gemacht hat und 2030 Teilausrichter der Weltmeisterschaft ist. Außerdem trägt Marokko zahlreiche Jugend- und Frauenturniere der CAF aus und war in der Qualifikation für die WM Austragungsort für zahlreiche Nationen, deren Heimstadien nicht die Auflagen der CAF erfüllten – insgesamt trugen fünfzehn verschiedene Nationen ihre Spiele in Marokko aus.

Einen Tag vor dem Endspiel veröSentlichte der senegalesische Fußballverband eine Pressemitteilung, in der sie sich über unprofessionelle Zustände beschweren. Die Ankunft in Rabat per Zug verlief chaotisch aufgrund mangelnder Sicherheitsvorkehrungen. Angeblich wurde dem Senegal auch erst eine angemessene Unterkunft gesichert, nachdem der Verband Protest eingelegt hat. Ein weiterer Kritikpunkt war die Zuweisung des Trainingsplatzes in der Vorbereitung auf das Endspiel.

Der Senegal sollte die Plätze des Mohammed VI Football Complex nutzen – dieses dient Marokko bereits das ganze Turnier als Basislager. Vergleichbar wäre, wenn Deutschland bei der Heim EM das Finale erreicht hätte und der Gegner ebenso in Herzogenaurach trainieren hätte müssen. Der senegalesische Verband forderte einen neutralen Platz um sich in Ruhe vorbereiten zu können. Auch bei der Ticketvergabe sah man sich unfair behandelt. Keine 3.000 Tickets wurden dem Senegal zugewiesen, bei einer Kapazität von knapp 70.000 Zuschauern.

 

Während des Endspiels warf Achraf Hakimi das Handtuch des Torwarts Mendy weg, welches dieser hinter seinem Tor platzierte, um sich im Regen die Handschuhe abtrocknen zu können, ähnliches ist bereits im Halbfinale gegen Nigeria passiert. In der Verlängerung kam es dann zu der absurden Situation, dass Ersatztorhüter Gomis hinter dem Tor das Handtuch gegen den ausgewechselten Marokkaner Saibari und einige Balljungen verteidigen musste. Ironischerweise bekam Marokko anschließend den FairPlay Award des Turniers. Die Art und Weise wie Brahim den Elfmeter vergab ließ die Theorie zu, dass er absichtlich verschoss, weil sonst der Senegal nicht zurückgekehrt wäre. Diese Theorie ist aber unwahrscheinlich.

In der Verlängerung traf Pape Gueye in der 94.Minute für den Senegal. Dieser TreSer reichte und so ist der Senegal zum zweiten Mal nach 2022 der afrikanische Champion. Marokkos 50-jährige Durststrecke hält weiterhin an. 1976 wurde Marokko das erste und einzige Mal Afrikameister

Mit diesem Kontext sind die Szenen anders zu bewerten. Insgesamt waren es zu viele Zufälle pro Marokko und für die Senegalesen, die sich vor AnpfiS des Endspiels schon betrogen fühlten, wurde mit diesen zwei unglaublichen und skandalösen Entscheidungen kurz vor Schluss das Fass zum Überlaufen gebracht.

Vieles rund um dieses kuriose Endspiel wird noch Folgen nach sich ziehen, das ganze Ausmaß ist noch nicht abzusehen. Einen Platz in der Fußballhistorie hat es jetzt schon gefunden. Schade, dass ein so schönes Turnier auf derartige Art und Weise enden muss. Einen Alleinschuldigen auszumachen ist kaum möglich. Jahrelange fragwürdige Entscheidungen des afrikanischen Fußballverbands haben die Situation eskalieren lassen. Der Protest Senegals kam aus dem Affekt und ist als Reaktion für die ausbleibende Seriosität des Kontinentalverbandes einzusehen

Mit diesem Artikel soll die Vorgeschichte möglichst neutral abgebildet werden, um ein Verständnis für das, was im Finale passiert ist zu entwickeln.

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